Marleen und Jens sind ein tolles Paar und der lebende Beweis dafür, dass Gegensätze sich anziehen. Jens und ich kennen uns schon seit Ewigkeiten. Genau wie ich, gehört er zu den exzessiven Couchsurfern und ist, ebenso wie ich, seit vielen Jahren passives Fördermitglied im Fitnessclub. Wir haben uns schon häufiger Gedanken darüber gemacht, ob eine Vertragskündigung auf Dauer nicht doch eine beträchtliche Kosteneinsparung mit sich brächte. Sind dann aber immer wieder von dem Plan abgewichen, da wir uns ohne diese Fitnessclubmitgliedschaft nur noch unsportlicher fühlen würden. Zudem haben wir immer noch die günstigen Konditionen von vor 20 Jahren. Was ist, wenn wir kündigen, uns dann aber doch das kunterbunte Regenbogeneinhornpony in seinem innerer-Schweinehund-betäubenden, magischen Feenglitzerstaub badet und wir uns doch noch überwinden etwas zu tun. Außerdem, würden wir heute den Vertrag abschließen, müssten wir monatlich fast fünf Euro mehr bezahlen. Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, welches zu einer erheblichen Steigerung der jährlichen Sportausgaben führen könnte. (Man sieht, wir waren schon immer richtig gut in Mathe.)
Wie erwähnt, ist Marleen das absolute Gegenteil von Jens. Sie ist eine hochdisziplinierte Vollblutathletin. Ich glaube, ihr Körperfettanteil liegt bei knapp über oder unter einem halben Prozent oder so ähnlich. Sie geht fünfmal die Woche ins Fitnessstudio und nicht nur, um dort Kaffee zu trinken. Zudem ist sie ernährungstechnisch immer auf dem neuesten Stand. Anders als das magischen Regenbogeneinhornpony, benutzt sie kein motivieren Feenglitzerstaub, sondern meistens die Verbalkeule, um anderen Menschen klar zu machen, dass sie zu fett, zu ungesund, zu unsportlich oder einfach zu alles sind. Ihren gefürchteten, mahnenden Vortrag zum Thema Sport und Gesundheit bekommen einfach alle zu hören, die nicht in ihr athletisches Weltbild passen. Außer Jens, der besitzt irgend so einen flauschkaninchenartigen Welpenschutz. Oder Marleen weiß einfach, dass dieser Barsch geschuppt ist und es nur verschenkte Lebenszeit wäre. Bei allen anderen läuft sie dafür aber, zu missionarischer Höchstform auf.
So auch im letzten Sommer bei uns im Garten. Die Beiden waren zum Grillen vorbeigekommen. Wir hatten gerade mit dem Essen angefangen, da war wieder ihr einleitendes Räuspern zu hören. Gefolgt von einem, dezent verächtlich klingenden, sehr langgezogenem Stöhnen. Je mehr man versuchte, dieses zu ignorieren, desto intensiver wurde dieser Geräuschmix. Also mussten Jens und ich unser Fußballfachgespräch, über die bisherige Saisonleistung unseres Lieblingsvereins, verschieben und Marleen Gehör schenken. Diese legte Messer und Gabel aus der Hand, nahm noch einen kräftigen Schluck Aperol Spritz und legte los.
Das Fleisch ist viel zu fett, außerdem vom Schwein, was ja jetzt mal generell das Allerschlimmste dieser Erde wäre. Ob wir eigentlich wüssten, was da so alles in einer Krakauer steckte!? Und Spareribs seien ja eh der übelste Abfall. Warum es denn wohl anstelle des chemieverseuchten Blattsalates und des Knoblauchbrotes, nicht mal etwas „Freshes und Angesagtes“, wie Quinoa Salat geben könnte, oder wenigstens etwas mit Acai-Beere, Goji-Beere oder Chia-Samen. Wir müssten doch bitte endlich mal einsehen, dass wir uns dringlich gesünder ernähren müssten. Früher, als ich Marleen noch nicht so richtig kannte, wäre ich nach diesem zwanzig Minuten andauernden Monolog davon ausgegangen, endlich weiteressen zu können. Aber nun wusste ich, gerade erst das Warm-up erlebt zu haben. Denn die Themen Sport, Bewegung und Weizengrasgetränke würden noch folgen. Hin und wieder versuchte ich, unauffällig etwas Fleisch von meiner Sparerippe ab zu zuzeln, kassierte dafür aber auf der Stelle einen solch verächtlichen Blick, dass mir alles direkt wieder aus dem Mund fiel.
Da uns allen bewusst war, Marleen würde es nur gut mit uns meinen, ließen wir sie gewähren. Na ja, und außerdem traute sich keiner, sie zu unterbrechen.
Witzigerweise geriet Leenchen bei ihren feurigen Vorträgen über Sport und Gesundheit immer so in Wallung, dass sie sich engmaschig mit Aperol, Prosecco oder Wodka O-Saft runterkühlen musste. Zudem rauchte sie dabei noch mehr, als ohnehin schon und stieß dabei noch höhere Qualmwolken aus, als der Eyjafjallajökull bei seinem letzten Ausbruch. Glücklicherweise war sie in diesem Stadium schnell erschöpft, kapituliert und fiel dann plötzlich wie Raubtier über die eben noch Verurteilten Lebensmittel her.

Immer, wenn ich Marleen so abgehen sehe, wird mir klar, wie anstrengend es für eine solche Gesundheitsfanatikerin sein muss, mit beratungsresistenten, allesessenden Sportmuffeln wir mir an einem Tisch zu sitzen.

Na dann, gut smoke und immer ne handbreit Asche im Becher.

Foto von Free-Photos auf Pixabay

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