Im Prinzip ist Schmerz eine sinnvolle, in manchen Fällen sogar überlebenswichtige Warneinrichtung des Körpers und das haben wir sicherlich auch alle schon mehr oder weniger selbst erfahren dürfen. Klar ist es super, wenn ein Schmerzsignal dich dezent darauf hinweist, dass deine Hand gerade auf einer glühenden Herdplatte liegt, noch bevor dir der Geruch von geröstetem Speck in die Nase weht, aber wenn dich dein Schmerz tagtäglich auf dein Wirbelsäulengulasch aufmerksam macht, kann das ganz schön nerven.

Chroschme, so habe ich meinen chronischen Schmerz getauft, und ich kennen uns nun schon seit fast 20 Jahren. Was in einer wilden On-Off-Beziehung seinen Anfang fand, wurde irgendwann zu einer festen Beziehung und mündete vor gut vier Jahren in so etwas, wie einer Ehe. Eine Ehe in der das: „Bis dass der Tod euch scheidet“, noch ernsthaft etwas bedeutet – leider. Mein Plan war es immer, so um die 140 Jahre alt zu werden, also müssen Chroschme und ich uns noch einige Zeit arrangieren. Natürlich bin ich auch Realist und weiß, dass mich mein Medikamentenkonsum am Ende etwas Zeit einbüßen lassen könnte, aber selbst, wenn ich nur 130 werde, liegt noch ein gutes Stückchen Weg vor uns.
Es kann schon ein ganzschön beklemmendes Gefühl sein, zu wissen, ein Leben lang Schmerzen zu haben – besonders immer dann, wenn Chroschme so richtig nervt. Und wer garantiert mir eigentlich, dass die Schmerzen vorüber sind, wenn ich es bin? Ich selbst war ja noch nie tot und kann es deswegen gar nicht mit allerletzter Gewissheit ausschließen. Alle toten Menschen, die ich bisher getroffen habe, konnten oder wollten mir wiederum außerordentlich wenig über ihren gegenwärtigen Schmerzzustand mitteilen. Da ich den Tod aber noch unsympathischer finde als den Schmerz, muss dieser Faktencheck hoffentlich noch sehr lange warten.

So hänge ich nun in dieser Zwangsehe fest und muss mich damit arrangieren. Ja genau, ich muss mich arrangieren. Chroschme kann ruhig Wildsau spielen und ein richtiges Arschloch sein. Am Ende bin ich es, der die Wogen glätten muss. Auch dann, wenn ich überhaupt keinen Bock mehr darauf habe. Viel lieber würde ich Chroschme so richtig zusammenschreien und im hohen Bogen aus meinem Leben treten. Manchmal schreie ich auch – das kann sehr befreiend wirken – nur darf ich dabei nicht ungünstig wild herumgestikulieren, ansonsten zeigt mir Chroschme mal eben, wer hier der Chef in unserer Beziehung ist, und ich liege dann wieder, wie ein dicker, bewegungsunfähiger Käfer, auf dem Rücken. Das ist kein besonders schöner Anblick – denke ich zumindest – aber oftmals wohl ein ganz besonders lustiger, denn es gibt Menschen in meinem direkten Umfeld, die sich schon einigermaßen einnässen vor Lachen, wenn es mal wieder soweit ist. Sie sagen dann immer, sie lachen mit mir, und nicht über mich, und das, obwohl ich selbst gar nicht lache – schon komisch, oder!? Aber mal im Ernst, so hat´s ja dann doch noch etwas Gutes, die Situation ist ja meistens schon beschissen genug, warum soll man nicht darüber lachen.

Glücklicherweise liege ich ja nun auch nicht ständig mit stärksten Schmerzen auf der Seite. Dafür sorgen die forschenden und nichtforschenden Pharmafirmen dieser Welt sowie ein ausgeklügelter Therapieplan. Wenn ich mich daran halte, nervt mich Chroschme nur und macht mich nicht total fertig. Sollte ich es übertreiben, dann gibt es halt einen mit der Kelle. Leider kann zu lange am Stück sitzen oder auf der Stelle stehen oder zu lange mit dem Hund spazieren gehen schon übertrieben sein, sodass mein Tagesablauf wohl überlegt sein will. Mal eben zwei Stunden Brunchen ist beispielsweise keine besonders gute Idee. Ich möchte dann gern, dass sich Chroschme im Hintergrund hält. Leider ist er, wie ein richtig schlecht erzogener Jack Russel Terrier. Man kann ihn zwar immer wieder in sein Körbchen schicken, er wird es dort aber nicht besonders lange aushalten und ständig wieder, in seiner ganz eigenen überdrehter Art, auf der Matte stehen. Wenn man ihn dann gar nicht beachtet, pinkelt er einem irgendwann auf den Teppich oder beißt einem gleich ins Bein, bzw. in den Rücken. Manchmal stupst er auch nur ein bisschen oder kratzt mit seiner Pfote an einem herum, das ist zwar unangenehm, in der Regel aber aushaltbar. Leider ist das Vieh sehr, sehr nachtragend und schnappt oftmals erst am nächsten Tag so richtig herzhaft zu. Und ich darf mich dann mal wieder, wie ein vom Sattelschlepper überrollter Quasimodo, vom Bett zum Klo und wieder zurückschleppen. Ein herrliches Schauspiel, bei dem ich dann tatsächlich auch gerne mal lachen muss.

Was soll ich sagen, ohne Chroschme wäre das Leben sicherlich viel unbeschwerter und bestimmt um einiges charmanter – nur werde ich ihn ja aller Voraussicht nach nicht mehr los. Das nehme ich so hin, denn schlimmer geht immer. Es gibt tausende Diagnosen auf der Welt, die viel furchtbarer sind als meine, deswegen versuche ich auch so wenig wie möglich zu jammern (hilft eh nicht), ein bisschen muss es aber auch mal sein.
Zum Glück funktioniert der Kopf ja noch wie immer und produziert ungebremst allerfeinste, sämig-cremige zerebrale Diarrhöe, wie aus einem quietschbunten, rückwärtslaufenden Comicfilm – und das ist auch gut so.

Foto von Marco Antonio Reyes auf Pixabay

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