Es war ein verregneter Frühlingstag, in den späten 90er Jahren des letzten Jahrtausends. Ich hatte, gemeinsam mit meinem Zivi Jan, Dienst auf dem Krankenwagen. Krankenwagendienst bedeutete fast immer: Kaum Blut, selten Tod und wenig Verderben, sondern eher entspannte Fahrten vom Altenheim zum Urologen und zurück, oder Entlassungen aus dem Krankenhaus nach Hause. Genau eine solche Tour erhielten wir mit unserem fünften Auftrag an diesem Tag.

Angekommen im städtischen Krankenhaus, parkte ich unseren Mercedes-Benz Hoch-Lang-KTW (Baujahr ´87) in der Liegendeinffahrt. Der weitere Ablauf folgte einer wenig aufgeregten, festen Routine. Erstmal ein Käffchen für mich organisieren und in der Zeit den Zivi losschicken, um das Fahrgestell für unsere DIN-Trage aus der Notaufnahme zu holen. Ach, das waren noch Zeiten, als es noch Krankentragen ohne integrierte Fahrgestelle gab. In Einrichtungen wie Altenheimen, Krankenhäuser oder in größeren Arztpraxen standen in der Regel externe Systeme zur Verfügung, um sich elegant fortzubewegen. An den meisten anderen Orten hieß es aber: „Wuppen und wuchten“. Neben dieser nicht unerheblichen Kleinigkeit hatten die Tragen noch eine weitere Besonderheit. Ein sehr ausgeklügeltes Gurtsystem. Dieses bestand aus drei Klettgurten. Einer befand sich auf Brusthöhe, einer auf Beckenhöhe und der Dritte kurz über dem Sprunggelenk auf den Schienbeinen. Sagen wir es mal so, eine heftige Vollbremsung oder gar einen Auffahrunfall hätte wohl kaum ein Patient überlebt. In einem solchen Fall wäre die, auf der Trage liegende Person sehr wahrscheinlich durch alle drei Gurte und direkt von der Trage geschossen, wie ein gut gefetteter Torpedo aus einem U-Boot. Sei es drum, dies ist glücklicherweise weder mir noch irgendeinem meiner Kollegen je passiert.

Der Kaffee war schnell getrunken, und der Patient danach fast ebenso schnell von der geriatrischen Station geholt. Ein 87-jähriger Mann, der, so wie es schien, für seine letzten Tage nach Hause gebracht werden sollte. Der Umstand, dass dieser Mensch quasi den Löffel schon in der Hand hielt, behagte dem Zivi so gar nicht. Jan war gerade erst mit seiner Sani-Ausbildung fertig und den zweiten Tag im Dienst. Zum Glück hatte er mich an seiner Seite. Ich klopfte ihm väterlich auf die Schulter und gab ihm folgende indianische Weisheit mit auf den Begleitersitz: „Versau es nicht – bitte“. Richtig beruhigen konnte ich den Zivi damit nicht. Der nette alte Herr gab dann während der Fahrt alles, um Jannis desolaten Gemütszustand aufrecht zu erhalten. Seine eh schon blasse Gesichtsfärbung wechselte langsam ins reinweiße und seine Atemfrequenz schwankte zwischen 3 und 6 Mal pro Minute (normal sind so um die zwölf Atemzüge). Aber nicht nur die Frequenz an sich machte dem Begleiter sorgen, nein auch die Qualität lies bedenklich zu wünschen übrig. Auf eine sehr kurze Einatmungsphase folgte eine seltsam lange und merkwürdig stöhngrunzend klingende Ausatmung.

Zum Glück dauerte die Fahrt nur knappe 47 Minuten. Am Zielort angekommen erhellte sich Jans Stimmung wieder. Zumindest sehr kurzfristig, denn nun musste ich ihn vorübergehend mit dem Patienten allein lassen, um nach der richtigen Wohnung in dem Mehrparteienhaus zu suchen. Natürlich versprach ich mich zu beeilen, man war ja kein Unmensch. Der Suchvorgang war schnell beendet, denn die Wohnung lag im Erdgeschoss. Dafür gab es in Gedanken schon mal einen freudigen Pluspunkt mit Sternchen. Der Schnitt der Wohnung lies die Freude dann aber schnell wieder weichen. Direkt hinter der, nach innen zu öffnenden, Eingangstür befand sich ein gerade Mal ein Quadratmeter kleiner Flur. Von diesem ging es rechts in das Wohnzimmer, in das wir mit dem Patienten sollten, ab. Zu allem Überfluss stand in diesem Flürchen auch noch eine Kommode oder ein Schuhschrank, dazu halbierte der massive Wohnzimmerschrank die Türbreite auf der gegenüberliegenden Seite. Dieses machte das Durchkommen mit unserer anfangs beschriebenen DIN-Trage unmöglich. Da der Patient, auf Grund fehlender Muskelspannung, nicht sitzen und wegen seiner Schmerzen eh nur flach liegen konnte, fielen Tragestuhl und Tragetuch als Transportmittel gänzlich aus, also musste Plan B her.

Wir entschieden uns für den Transport über das, im Innenhof gelegene, Wohnzimmerfenster. Dem Zivi war es recht, solange er nur nicht mehr länger allein mit dem Herrn im Krankenwagen verharren musste. Als wir mit der Trage im Innenhof ankamen, hatte die Gattin die Fensterbank von Blumen und Porzellanpuppen befreit sowie das Fenster geöffnet. Bereits auf dem Weg dorthin hatte ich den, am Fußende gehenden, Zivi über das genaue Vorgehen informiert. Ich hievte das Kopfende der Trage hoch und klemmte die beiden Griffe so in den Fensterrahmen, dass die Trage sicher befestigt war. Dann half ich Jan, sein Ende schon mal auf Schulterhöhe zu heben, damit sich ersten das Gefälle verringerte und er es zweitens beim späteren hinein heben einfacher haben sollte. So stand er also da, wie ein Gewichtheber, der die Hantel jede Sekunde nach oben stoßen würde. Sein Gesicht wirkte, im Gegensatz zu dem des Patienten, sehr gut durchblutet. Ich eilte mit großen Schritten durch die Hofeinfahrt in Richtung Bürgersteig, um schnellstmöglich den Vordereingang zu erreichen. Eventuell war ich noch für eine Nanosekunde von einer vorbeijoggenden Schönheitsfee abgelenkt, dann aber wieder voll bei der Sache. Kurz bevor ich die Außentür erreichte, schalmeite ein panisches, „DER KUNDE RUTSCHT!“, vom Innenhof direkt an mein Ohr. Nee, nä!? Ich also mit noch viel größeren Schritten zurück zu Jan.
Der stand immer noch da wie ein Gewichtheber. War aber inzwischen, wahrscheinlich aus mangelnder Beinkraft, etwas in die Knie gegangen. Daraus resultierte nun ein eher ungünstiges Gefälle für Trage und Patient, und es war tatsächlich passiert – der Kunde war gerutscht. Eines der Bilder aus meiner Rettungsdienstzeit, das ich nie vergessen werde. Dem armen Zivi war nun auch sämtliche Gesichtsfarbe entfleucht. Eine solche Panik habe ich seither noch in keinem anderen Gesicht gesehen. Mit letzter Kraft hielt er die Trage fest.
Der Patient war, geschmeidig wie ein Aal, durch sämtliche Klettgurte abwärts geglitten. So weit, dass dessen Kniegelenke nun auf den Schultern des Zivis ruhten. Die Unterschenkel nebst Füßen baumelten entspannt am Rücken desselben. Zu allem Überfluss war auch die Decke verrutscht und hing seitlich an der Trage herab. Weil der Patient nur mit dem Krankenhausnachthemdchen bekleidet war, blickte Jan nun, starr vor Angst, direkt in das eine Auge der friedlich schlafenden Hosenanakonda des Patienten. Ich schwöre, nur ein paar Zentimeter weiter und der Schnüppel hätte Jans Nasenspitze touchiert. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob irgendjemand dieses Schauspiel mit ansehen musste. Ich weiß nur, dass es ein sehr, sehr, sehr verstörender Anblick gewesen sein musste, egal aus welcher Perspektive man dieses, nicht gerade jugendfrei wirkende, Szenario verfolgt haben könnte.

Schlussendlich konnten wir die Situation mit vereinten Kräften entschärfen und den Kunden unbeschadet in sein Pflegebett verbringen. Dessen Ehefrau war dieser Fauxpas glücklicherweise auch entgangen, da sie uns unbedingt noch einen Kaffee zubereiten wollte. Diesen mussten wir allerdings dankend ablehnen, da uns beiden, nach der Aktion, eher nach einem Beruhigungstee, als nach Koffein in irgendeiner Form zu Mute war.

Und die Moral von der Geschicht: Tragehilfe schadet nicht!

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